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Herausforderndes Verhalten bei Autismus

In der Arbeit mit Autisten oder Angehörigen von Autisten wird man immer wieder mit dem Thema „Herausforderndes Verhalten“ konfrontiert.

 

Oft kommt es nur außerhalb des sicheren Umfeldes zu diesen Verhaltensweisen. Krisen sollen dort, wo es laut und wild ist, sofort unterbunden werden. Bei Gefahr ist es natürlich auch wichtig, dass schnell etwas passiert. Langfristige Lösungen werden so nicht erreicht. Krisen, die nur den Autisten betreffen, also nicht mit Aggression einhergehen, werden gerne als autistisches Verhalten betrachtet wie: zwicken, beißen oder Ähnliches.

 

Hier wird selten eingegriffen oder gar nach Lösungen gesucht.

 

Handlungsfähigkeit wird durch Beobachtung, Einflussnahme krisenbedingter Faktoren, Aufzeichnung usw.

ermöglicht. Wir haben den „Unaufgeregten Umgang“ nach Bo Hejskov Elven verinnerlicht und nutzen unseren anderen

Blick auf Autismus und autistische Verhaltensweisen, um auf die Ebene des Autisten zu gelangen und ihn und sein

Verhalten zu verstehen! So entstehen Lösungen, um langfristig „Herausforderndes Verhalten“ und die damit

verbundenen Krisen aufzulösen. „Herausforderndes Verhalten“ gibt es bei Autisten mit und ohne kognitiver Einschränkung!

Was ist „Herausforderndes Verhalten“ oder wird als solches bezeichnet?

Es gibt eine Menge Begriffe für "Herausforderndes Verhalten":

  • Verhaltensstörung
  • Anpassungsstörung
  • abweichendes Verhalten
  • oppositionelles Verhalten
  • Fremdaggression usw.

Im Alltag wird schnell deutlich, dass man mit der herkömmlichen Kommunikation, also sprachlicher Intervention, nur sehr begrenzt erfolgreich ist, wenn es um „Herausforderndes Verhalten“ geht. Der Autist reagiert wenig bis gar nicht auf Sprache oder anders als erwartet. Es müssen also andere Wege gefunden werden, um in Kontakt zu kommen und das „unerwünschte Verhalten“ zu beeinflussen. Bei genauer Betrachtung stellt man fest, dass „Herausforderndes Verhalten“ von Bezugspersonen und selbst von Fachleuten nicht verstanden wird und somit auch nicht so reagiert wird, wie es sinnvoll und deeskalierend wäre. Alles, was wir als nicht gut, störend oder nervend empfinden, kann als „Herausforderndes Verhalten“ betrachtet werden. Also immer dann, wenn eine Bezugsperson oder Fachperson mit einem bestimmten Verhalten überfordert ist.

 

Einige Beispiele, die bei Autisten immer wieder genannt werden:

  • Aufsässigkeit
  • Impulsivität
  • Aggressivität
  • Uneinsichtigkeit
  • oppositionelles Verhalten
  • Beziehungsunfähigkeit
  • in sich gekehrt sein
  • Einnässen/Einkoten
  • Angststörungen
  • lautes Schreien/Tönen
  • Aufmerksamkeitsstörungen
  • Leistungsverweigerung
  • Beziehungsunfähigkeit
  • Spucken/Sabbern

Wie gehen viele Menschen hierzulande damit um?

Der Fokus liegt auf dem Verhalten, nicht auf der Person. Man möchte, dass dieses "negative" Verhalten so schnell als möglich beendet wird. Natürlich soll niemand zu Schaden kommen, weshalb es auch zum Eingreifen in diesen Situationen kommt.

So wird der Ton des Umfeldes lauter. Es wird versucht, das Verhalten, durch Schimpfen, Festhalten, Abwehren, klare Verbote, Wiederholen von Regeln etc., zu unterbinden. In gewissem Maße hat das seine Berechtigung, wenn es um den Schutz des Autisten oder anderer Menschen geht. Langfristig gesehen ist das allerdings in den allermeisten Fällen äußerst ungünstig. Oft funktioniert es auch gar nicht und die Verhaltensweisen, die man versucht zu unterbinden, werden noch schlimmer. Wer genau darauf schaut, bekommt in der Regel ein sehr unbefriedigendes Gefühl dazu, weil man spürt: es wird nur bedingt verstanden, es kommt nicht an oder man redet gegen die sprichwörtliche Wand! Langfristig wird es immer schwieriger, wenn NUR das Verhalten Beachtung findet.

Wie und durch was entsteht „Herausforderndes Verhalten“?

Erziehung wird heute zum großen Teil von Fachleuten übernommen, zum Teil von Eltern und dem weiteren Umfeld, weshalb immer ein Blick auf alle Teilbereiche gelegt werden sollte: Leistungserwartung, Überforderung, Ablehnung, Gewalt, sensorische Überforderung in der Lebenswelt des Autisten, die Rahmenbedingungen einer Institution und insbesondere Systemzwänge führen immer wieder zu eben solchen Verhaltensweisen.

Unreflektiertes Umsetzen von Regeln, Strafen, ständige Veränderungen von Rahmenbedingungen, die dann erst unmittelbar vor der Umsetzung bekannt gegeben werden (wie z.B. Fahrdienste, andere Fahrer, Fahrtrouten usw.), sind für Autisten problematisch. Plötzliches Abziehen von Schulbegleitern oder Veränderungen in diesem Zusammenhang, sowohl positive als auch negative Veränderungen. Keine unterstützte Kommunikation, fehlende Unterstützung der Handlungsplanung, fehlende Auszeiten...

Welche Möglichkeiten gibt es noch?

Die Besonderheiten im Verhalten sind durch sich wiederholende, eingeschränkte, stereotype Verhaltensmuster geprägt. Tägliche Aktivitäten MÜSSEN sich wiederholen... das sind ganz klassische autistische Besonderheiten und kein herausforderndes Verhalten! Autismus muss verstanden werden. In den Ausbildungen wird das Thema nicht ausreichend thematisiert. Auch heute ist das leider noch so und natürlich sollte man auch nicht mehr arbeiten, wie vor 10 Jahren, denn das Wissen ist heute viel größer. Wir lassen uns ganz auf den Autisten ein, um so ein Gefühl für seine Bedürfnisse zu bekommen. So kann ganz oft verhindert werden, dass es zu „Herausforderndem Verhalten“ kommt, weil für den Autisten die Notwendigkeit gar nicht erst entsteht. Es gelingt, wenn alle gemeinsam so mit Autismus umgehen. Der „Unaufgeregte Umgang“ nach Bo Hejskov Elven hat uns schon beim Lesen beeindruckt. Zwischenzeitlich haben wir, als Mitglieder des Vereins, unsere Erfahrungen damit gemacht, die durchweg positiv sind. Wir können sagen, dass damit im Alltag eine gute gemeinsame Basis gefunden werden kann. Autisten haben oft über etliche Jahre ein stark belastendes Lebensumfeld. Viele Belastungssituationen von Geburt an, das nicht Verstehen der Behinderung und deren Auswirkungen, negative Erlebnisse und vielem mehr – gepaart mit aktuellen besonderen Umständen und schon sitzt man in der Krise!

 

Alle gemeinsam sollten analysieren, was genau zu eben dieser Krise geführt hat. Es gibt hervorragendes Arbeitsmaterial dafür, das zugegebenermaßen erst mal einen Mehraufwand bedeutet. Jedoch merkt man recht schnell, dass man auf dem richtigen Weg ist, was dauerhafte langfristige Lösungen bietet. Verhalten hat immer etwas mit dem Umfeld zu tun. Sollte es sogar so sein, dass es nur an einem bestimmten Ort auftritt oder sich nur einer bestimmten Person gegenüber zeigt, ist klar: Es hat auch damit etwas zu tun! Die Bereitschaft, sich auf die autistische Ebene zu begeben, um verstehen zu lernen, ist unabdingbar!

 

Der Low Arousal Approach wurde schon 1990 von Professor Andrew McDonnell entwickelt doch erst mit Bo Hejskov Elven und seinen Im Jahr 2015 erschienen Buch "Herausforderndes Verhalten vermeiden" wurde es interessanter in der Umsetzung. Eine Fülle an Ideen für die Praxis lieferte er direkt mit, so dass die Umsetzung leichter viel. Er zeigt, wie sich das Verhalten von Menschen mit Autismus (nicht nur) dramatisch zum Positiven verändern kann, wenn man die Probleme identifiziert und damit richtig umgeht!

 

Daran anknüpfend hat auch Georg Theunissen 2017 in seinem Buch "Autismus und Herausforderndes Verhalten" seine langjährigen Erfahrungen mit dem "Herausforderndem Verhalten" deutlich gemacht.

 

Einzelne Fachleute die besonders aktiv im UK/Autismus Bereich tätig sind, haben dazu wunderbare Arbeitsmaterialien entwickelt. Der "Unaufgeregte Umgang" setzt sich immer weiter bei uns in Deutschland durch!

 

2019 erschien noch das Arbeitsbuch "(K)eine Alternative haben zu Herausforderndem Verhalten?!" von Nina Fröhlich, Monika Weigand und Claudio Castaneda. Ein Buch, das anregt, dies in der Praxis umzusetzen, das Wege aufzeigt und Mut macht, es zu versuchen, ganz auf den Alltag ausgerichtet. Ein wertschätzender Beziehungsaufbau ist von großer Bedeutung in allen Altersklassen.

 

Wir müssen wegkommen von der Haltung "Macht und Dominanz" als "Erziehungsmittel" für Autisten einzusetzen, in der ein Teufelskreis entsteht, in dem es nur um Gewinnen oder Verlieren geht. Im Alltag gibt es wenig Zeit und es wird erwartet, dass ein Mensch möglichst schnell sein herausforderndes Verhalten ablegt und im Idealfall nie wieder zeigt. Doch oft gibt es nur Verlierer ... Der unaufgeregte Umgang lässt sich sehr gut umsetzen, wenn man weiß, wie und wenn man erst einmal seinen Blick verändert hat. Völlig unerheblich ob als Familie oder als Fachmann im Kontext Schule, Werkstatt, Tagesförderung oder anderen Einrichtungen.

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