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Das Kerzenritual

Der Duft von Bienenwachs gehört bei uns zur dunklen Jahreszeit dazu. Jeden Morgen wird der Tag mit dieser wunderbaren Kerze begrüßt. Jeden Abend wird der Tag verabschiedet. Ein Ritual, das wir schon sehr, sehr lange pflegen. Vor einem Jahr hatten wir ein ganz besonders tolles Erlebnis damit, wovon ich euch erzählen möchte.

die erste selbstgegossene Reste-Kerze
die erste selbstgegossene Reste-Kerze

Viele Jahre wurde eine ganz bestimmte Kerze bzw. Kerzenform genutzt. Eine große, schwere Kerze, die für viele Wochen auf dem Tisch stand und jeden Morgen und Abend mit ihrem wunderbaren Licht Stimmung zauberte. In den 80er Jahren war ich durch meine Kinder aktiv in der Waldorfbewegung unterwegs. Damals waren es "die Waldorf-Kerzen". Das Ritual stammt aus dieser Zeit und wurde dann bis heute so übernommen.

 

Die letzten Kerzen dieser Art habe ich vor etwa 15 Jahren gekauft. Da ich viel an Waldorfschulen und antroposophischen Einrichtungen unterwegs war, sammelten sich viele Kerzen bei mir in meiner Kerzenbox. Ich bekam in den frühen 80er Jahren Kinder und gehörte zu den Ökos, den Anthroposophen. Auch einige Pflegekinder habe ich in der Zeit begleitet, sodass dieses Ritual und die Nähe zur Waldorfpädagogik immer geblieben ist.


Da Bienenwachskerzen haltbar sind, habe ich bei jeder Gelegenheit welche gekauft. So füllte sich ein großer Karton mit diesen Kerzen und ich griff rein, bis der Karton ziemlich leer war. Erst dachte ich mir nichts dabei und ging auf die Seite einer antroposophischen Einrichtung, die früher diese Kerzen in allen Größen hergestellt hat, doch nichts. Ich suchte und suchte, doch nein, die Kerze in dieser Größe gab es nicht mehr.

 

Die Form war immer wichtig, weil sie zum Ritual gehörte, doch heute ist sie noch viel viel wichtiger und die anderen Kerzen, die wir ja teils selbst machen, eben zu Weihnachten gehören, zum Weihnachtsbaum, Weihnachtskranz. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie oft mir gesagt wurde: „Wo ist denn Ihr Problem? Nehmen Sie Stumpen, nehmen Sie konische Kerzen, die gehen genauso.“

Ich erklärte mich wieder und wieder. Warum es so wichtig ist und dass Autisten in ihren Ritualen wichtige Anker sehen. Dass dieses Ritual einfach nur mit dieser Kerze geht. All die Menschen, die wissen, wie wichtig gleichbleibende Rituale für Autisten sind, können sich sicher vorstellen, welche Panik beim dem Gedanken aufkam, nie wieder diese Kerze - ja das ganze Ritual - nutzen zu können. Ich habe alles in Bewegung gesetzt, was nur ging. Es war in unserer Familie immer wichtig, doch heute mit meinen autistischen Kindern ist dieses Ritual noch sehr viel wichtiger.

 

Eine Menge Leute suchten überall nach diesen Kerzen, doch je länger es dauerte, umso deutlicher wurde, wir finden keine mehr. Wir suchten in ganz Europa. Dänische Hersteller wurden angeschrieben, genauso in der Schweiz usw. Doch überall gab es die gleiche Antwort: „Klar kennen wir diese wunderbaren Kerzen, aber nein, wir stellen sie nicht mehr her, nein, wir haben auch keine alte Form mehr. Sie sind raus ...“

Lediglich die Miniversion davon gibt es noch. Die Mini-Kerze ist 5 cm hoch und wiegt vielleicht 70 g. Die Kerze, von der ich spreche, ist über 30 cm hoch und wiegt knapp 1,5 kg, also ein wirklich mächtiger Unterschied.

 

Monate vergingen und zwischenzeitlich brannte das letzte Exemplar. Die Kerze wurde kleiner und kleiner ...

Doch dann kam eine tolle Nachricht! Eine wunderbare Frau hatte den Post im Netz gesehen und wollte uns gern helfen. Sie kannte da jemanden, der vielleicht eine Form herstellen könnte! Wir konnten es kaum glauben. Als erstes musste eine Zeichnung der Kerze mit ihren Originalmaßen her. Dann begann das Warten ...

 

Als das Paket ankam und wir die Form in Händen hielten, war das ein unbeschreiblich tolles Gefühl! An dieser Stelle noch einmal einen großen Dank an die beiden Menschen, die das ermöglicht haben!🙏

 

Mit viel Mühe und Aufwand entstand unsere Form! Sie ist groß und ganz schön schwer und aus Metall. Klar war, es muss erst mal probiert werden, ob das Gießen klappt, das Loch für den Docht passt usw. Da eine Menge Wachs in die Form passt und Bienenwachs eine kleine Kostbarkeit ist, wollte ich für den ersten Versuch alte Stumpen nutzen. Gesagt, getan und dieses Exemplar könnt ihr auf dem Bild sehen ... auch wenn man erkennt, dass sie ist nicht perfekt ist, da Farbe und kleine Partikel nicht stimmen, so hat sie doch etwas ganz besonderes für mich, diese erste Reste-Kerze!

 

Nun kann, wann immer nötig, eine weitere Kerze gegossen werden. Mich hat das so glücklich gemacht und ich bin unendlich dankbar. Dieses Ritual gibt Sicherheit, es gehört bei uns einfach dazu.

Warum erzähl ich das?

Rituale sind so so wichtig für Autisten. Das hier erscheint manchem Leser vielleicht als unwichtig. Doch für uns ist es extrem wichtig, weil der ganze Tagesablauf durcheinanderkommen würde! Die Struktur am Morgen und Abend würde sich ändern, was dazu führen würde, dass nichts mehr ist, wie es war. Da gleich zwei Momente des Tages betroffen sind, hat es großen Einfluss. Es gibt Sicherheit, Ruhe, Halt.

 

Solche Rituale sind gerade für Autisten feste Ankerpunkte, an denen sie sich orientieren können und die auch an unsicheren Tagen Halt und Stabilität vermitteln. Es sind zuverlässige und planbare Aktivitäten, die zu einem bestimmten Zeitpunkt stattfinden und dazu beitragen, dass auch ungeplante Vorkommnisse an "schlechten" Tagen erträglicher werden und der Halt nicht völlig verloren geht.

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