Gastbeiträge


Wir freuen uns  eine bunte Vielfalt an Gastbeiträgen zeigen zu können. 


Ein Gastbeitrag von Gabriele Schmitt- Lemberger die einen Blog schreibt, aber auch Gründungsmitglied bei uns ist.

 

 

Kein Wunder, dass du überfordert bist  mit so einem Kind!

 

Da ist sie wieder, meine Schnappatmung. 

Sie glauben gar nicht, wie oft ich diesen Satz schon gehört habe. 

Ganz häufig wird Eltern von Kindern, die eben anders sind, nicht der Norm entsprechen, nicht sprechen, sich eigenartig verhalten oder wie Außenstehende das sonst noch so bezeichnen, mal einfach ganz pauschal unterstellt, dass sie ja logischerweise völlig überfordert seimüssen von eben diesem schrecklichen Kind

In diesem Moment bleibt mir zunächst immer erst Mal nur eins: Atmen tief ein- und ausatmen, weil sonst meine Atmung überschnappt und ich mit!

Ich erkläre Ihnen auch gern, warum. 

Zum einen ist dies in meiner Wahrnehmung eine heftige Diskriminierung, nämlich gegen mein Kind. Mein Kind wird von Außenstehenden mit einer solchen Aussage zum Belastungs- und Störfaktor degradiert. Es wird ganz einfach angenommen, dass mein Kind nichts Bereicherndes zu meinem Leben beiträgt, sondern mir stattdessen unerträgliches Leid zufügt. Lassen Sie das mal einen Moment auf sich wirken

Zum anderen wird mir unterstellt, dass ich ja logischerweise  mit so einem Kind überfordert sein MUSS, denn in der eigenen Wahrnehmung solcher Menschen, kann das ja gar nicht anders sein. Mir wird somit unterstellt, dass ich ein bedauernswerter und frustrierter Mensch sein muss, der sein Leben nicht auf die Reihe bekommt und elendig an seinem Kind verzweifelt.

Mein Kind wird mit einer solchen Aussage zum Täter und ich zum Opfer ernannt

Wenn ich Menschen, die mich nicht näher kennenerwidere, dass ich ein sehr zufriedener Mensch bin, bekam ich tatsächlich auch schon zu hörenDas glaube ich dir nicht!

Also zu Täter und Opfer kommt hier noch der Lügner. 

Der Blick über den eigenen Tellerrand scheint solchen Menschen völlig unmöglich und alleinschon der Gedanke daran, dass andere Menschen mit anderen Lebensformen durchaus auch gut zurechtkommen und auf ihre Weise Zufriedenheit empfinden, scheint völlig unzulässig. 

Was man selbst in seinem Wertesystem nicht als normal und lebenswert einordnen kann, kann also demnach auch nicht so sein das ist für mich Diskriminierung. 

Ich spreche mich nicht davon frei, dass es bei uns nicht die eine oder andere Herausforderung gab und gibt, die ich nicht unbedingt haben muss, aber überfordert? Durch mein Kind? Nein! Mein verstorbener Mann sagte mal einen Satz, der sich mir regelrecht eingebrannt hat: Meine Frau ist mit unserem Sohn nicht überfordert und sie lässt sich das auch von niemandem einreden! Denn so fühlt sich das häufig an: man möchte uns Eltern fast schon einreden, dass wir überfordert zu sein haben damit das in die Gesellschaft und in die Norm passt. 

Aber auch ich komme tatsächlich ab und an an meine Grenzendie mit meinem Sohn mal so gar nichts zu tun haben. Ich rede von Ämtern und Institutionen von außenstehenden Dritten, von denen man gewissermaßen abhängig ist, wenn man Hilfen für sein Kind einfordert  die ihm eben zustehen. Ich betone nochmals: Hilfen für das KIND! Dritte, die darüber entscheiden, ob man dieses Kind jetzt unterstützt oder nicht und manchmal hatte ich tatsächlich schon das Gefühl, als würde man eben diesen Dritten an ihren eigenen Geldbeutel gehen wollen oder man würde die Bewilligung bzw. Ablehnung eines Antrages auswürfeln oder auspendeln. 

Das beginnt zumeist mit der Schule: beantragen eines Schulbegleiters! Glück hat man dann, wenn ein SB bereits gewährt wird, bevor das Kind den ersten Tag in der Schule verbringt. Auch hat man Glück, wenn der SB für die volle Schulzeit genehmigt wurde. Denn häufig schreibt man so nebenbei  also nebenbei als überforderte Mutter  nach einem Antrag dann zusätzlich noch Widersprüche und erklärt zum x-ten Mal, wieso und warum eine SB nötig ist, warum es eine Fachkraft sein sollte, warum die volle Stundenzahl notwendig ist usw. Und wenn man noch weniger Glück hat, wird der SB erst dann bewilligt, wenn das Kind bereits in den sprichwörtlichen Brunnen gefallen ist und allen Beteiligten klar ist, dass es ohne SB nicht geht bis zu diesem Zeitpunkt hat das Kind oft schon massives Leid erfahren und Schule als Lernort hat dann verständlicherweise so gar nichts positives mehr

Der Kampf um Assistenz für das Kind  auch autistische Kinder wollen nicht immer nur Mama als Bezugsperson  ist mit Unmengen an Papierkram verbunden, fremde Menschen begutachten vor Ort, ob das denn überhaupt nötig sei (weil man das in einer Stunde hervorragend bewerten kann), die Finanzen werden geprüft bis auf den letzten Cent und wieder Widersprüche schreiben. Nicht nur der Aufwand ist enorm, auch das Eindringen in die Privatsphäre kann äußerst belastend sein. 

Kämpfe in der Schule, weil man als Mutter merkt, da läuft etwas gewaltig schief, und alles stellt sich quer die Mutter ist dann schwierig ist eine Querulantin und würde die ihr Kind mal ordentlich erziehen, hätte man in der Schule nicht solche Schwierigkeiten mit diesem Kindman steht allein an der Front, weil ein Miteinander erfahrungsgemäß oft nicht möglich ist, die Fachkräfte ja schließlich Fachkräfte sind, die natürlich wissen, was zu tun ist und die Mutter ist schließlich nur die Mutter jeder kocht sein eigenes Süppchen, während das Kind mal heiter weiter den allseits bekannten Bach runterschippert leider. Es wäre ein Traum, wenn das anders wäre. 

Anträge für Hilfsmittel, die oftmals erst nach einem Widerspruch erneut geprüft und dann vielleicht mit etwas Glück bewilligt werden den Aufwand, Hilfsmittel zu beantragen, sich durch den Behördenkrams zu schlagen und zu wurschteln, würde man sich nicht antun, wenn eben diese Hilfsmittel nicht dringend notwendig wären.

Und je älter die Kinder werden, desto mehr Ämter, Papiere, Widersprüche, Kämpfe, Paragraphen studieren, um zu wissen, was dem Kind zusteht, falsche Genehmigungen reklamieren und belegen, warum diese falsch sind das frisst Zeit, Nerven und EnergieDAS ist es, was uns Eltern manchmal an den Rand des Wahnsinns und an unsere Grenzen treibt und nicht unsere Kinder. 

 

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